Jahrgangsreport 9: Stürmische Gärung

Sie erinnern sich, dass im achten Teil unserer Winzersoap die Reinzuchthefen in unseren Fässern wüten und alles zerstören, was nicht ist wie sie? Und was mache ich derweil? Einen Tag Pause. Denn während es in unseren Fässern langsam zu blubbern anfängt – ein sicheres Zeichen für die einsetzende Gärung – möchte ich diesen Prozess keinesfalls durch mechanische Behandlung der Maische gefährden. Die Kellertemperatur liegt konstant bei 19 Grad. Ich bin zufrieden und genieße den freien Sonntag.

Sturm und Tresterhut

Schon am nächsten Tag blubbert es vernehmlich aus den Fässern und die Kellertemperatur ist auf 20 Grad angestiegen. Langsam steigen die ersten Schalen durch den Most nach oben und verklumpen miteinander. Diesen Schalenklumpen nennt man Tresterhut und in den kommenden Tagen gehört es zu meinen vornehmlichen Aufgaben, diesen Tresterhut zu zerbrechen und feucht zu halten. Dazu pumpe ich zweimal täglich – morgens und abends – die Hälfte des im Fass befindlichen Mostes über den Tresterhut. Dann breche ich die verklebten Schalen auseinander. So strömen möglichst viel Aromen und Farbstoffe aus dem Trester direkt in den Most.

In den kommenden Tagen nimmt diese Arbeit circa drei Stunden meines Arbeitstages in Anspruch. Man nennt diesen Zeitraum in dem die Temperatur im Keller weiter bis auf 23 Grad steigt auch stürmische Gärung. Der stürmisch blubbernde Most entwickelt derweil Temperaturen von über 30 Grad. Most der in dieser Zeit aus dem Fass entnommen wird, trägt in Österreich den passenden Titel “Sturm”. Wie Sie sehen sind Stürme und Hüte also nicht nur Themen auf der Londoner Fashionweek.

Gärung ist Physik

Vielleicht habe ich im ersten Absatz ein falsches Bild vermittelt, aber so gemächlich wie an besagtem Sonntag geht es während des Gärprozesses sonst nicht zu. Der Most macht die Arbeit schließlich nicht allein. Ständig prüfe ich die physikalischen Parameter, die Gärgaskonzentration und den Nährstoffgehalt des Mostes und beobachte den Verlauf der Gärung. Nach circa drei Tagen ist die stürmische Gärung vorbei und ich kann den malolaktischen Gärprozess parallel zur alkoholischen Gärung enzymatisch einleiten. Puh.

Aber was bedeutet das jetzt überhaupt? Eigentlich ist es ganz einfach: dieser sekundäre Gärprozess führt zu einem biologischen Säureabbau und damit im Endeffekt zu einem harmonischeren und ausgewogeneren Geschmacksbild meiner Rotweine. Also alles eine Frage der Qualitätssteigerung. Aber wie bei allen Dingen muss man auch hier bedächtig zu Werk gehen. Denn viel hilft nicht viel. Im schlimmsten Falle entwickelt der Wein durch eine zu weit getriebene malolaktische Gärung einen käsigen Beigeschmack. Und das kann ja wirklich keiner wollen. Schließlich essen wir den Käse lieber zum Wein.

To be continued…

Hier geht es zu den anderen Teilen unserer Winzersoap:
Winzersoap Teil 1: Traubenlese & Winzerromantik?
Winzersoap Teil 2: Zucker & Matsch 
Winzersoap Teil 3: Zeit ein Fass aufzumachen
Winzersoap Teil 4: Gespräche im Weinberg
Winzersoap Teil 5: Feste feiern, wie sie fallen
Winzersoap Teil 6: Die Saignée Methode
Winzersoap Teil 7: Der Duft nach Hefe
Winzersoap Teil 8: Die Killer sind los… Reinzuchthefen on the loose